Österreichisch als Fremdsprache – die ZEIT-Debatte Bayreuth 2015

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Papa Roman und seine deutschen Stiefkinder

Die Freshers mit dem Teamnamen “Österreichisch als Fremdsprache” eingepackt und los ging’s zum Turnier! So startete unser Road-Trip zur ZEIT-Debatte Bayreuth 2015. Die zwei Deutschen und der Wiener würden sich nicht nur auf eine Reise in die Stadt Richard Wagners machen, auch erwartete sie ein Halt in dem historisch wohl interessantesten Gebiet Bayerns: Das Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Doch zunächst begann die Fahrt mit stimmungsvoller Musik und einem kleinen Highlight, der Sonnenfinsternis (von der man aus dem Auto zumindest einen Schatten erahnen konnte) und wie das bei Debattierenden nun mal so ist, blieben die Münder nicht lange geschlossen. Von Diskussionen über die Möglichkeit der Tempolimit-Setzung auf deutschen Autobahnen bis hin zu einer vollständigen Technisierung der Automobilindustrie zu autonom fahrenden Vehikeln war alles dabei, was das Debattanten-Herz erfreut.

Eine Reise in die Geschichte Bayerns

In Nürnberg angekommen hatten wir noch Zeit für unseren Geschichtsausflug mit Papa Roman. Begibt man sich zum Dutzendteich, wird klar, warum dieser Ort einst im 19. Jahrhundert als Naherholungsgebiet diente. Der grüne Fleck Wiese und die große Wassermasse verschleiern heute die militaristische Realität der Nazi-Vergangenheit. Denn das Reichsparteitagsgelände diente der NSDAP ab 1933 als architektonisches Manifest ihres Größenwahns. Veranstaltungen der Wehrmacht und des Reichsarbeitsdienstes fanden auf diesen Flächen statt und wurden mit Albert Speers Monumenten propagandistisch ideal inszeniert. Wer vor der Zeppelinhaupttribüne und dem Rednerpult Hitlers steht, welcher die Menschenmassen am Zeppelinfeld polarisierte, wird sich der Manipulierbarkeit des Menschen bewusst. Neben der Zeppelin-Tribüne fasziniert und beängstigt auch der größte erhaltene, nationalistische Monumental-Bau in Deutschland, die Kongresshalle. Nach einer längeren Suche nach dem Eingang in das imposante Halb-Gebäude (es sollte ursprünglich mehr als doppelt so hoch gebaut werden, doch machten diesem gigantomanischen Vorhaben brüchige Materialien bereits in der Bauphase einen Strich durch die Rechnung) wurde für uns die Geschichte des Areals hautnah erfahrbar. Doch die Zeit drängte, wir mussten weiter und waren, vom historischen Ausflug inspiriert, auch schon wieder fix auf den Straßen Richtung Bayreuth.

Von der Geschichte zu aktuellen Debatten

In Bayreuth eingetroffen und nach einer herzlichen, im Zeitplan liegenden Begrüßung der Veranstalter, ging es los mit der ersten Vorrunde. In dieser wurde debattiert, ob es erlaubt sein sollte, die Erinnerung an eine unglückliche Liebe oder Beziehung löschen zu können. Am Abend wurde gemeinschaftlich im Hörsaal ein Film zu eben diesem Thema gesehen.

Am Tag darauf kam es dann dicke ‒ vier Motions und ein straffes Programm ‒ und dennoch blieb genügend Zeit, viele liebe Menschen aus ganz Deutschland kennen zu lernen. Debattiert wurde unter anderem über die Legalisierung von angemeldeten Massenschlägereien, Forschungsfinanzierung, eine weitere Schulstufe über Hauptschule, Realschule und Gymnasium, sowie über deutsche Reparationszahlungen an Griechenland.

Das abendliche Social war schließlich von der ganz besonderen Sorte: gemeinsam wurde in der schönen Bayreuther Altstadt in ein schnuckeliges Hotel gepilgert, das wirklich wunderschön hergerichtet war. Auf zwei offenen Etagen wurde hier in weichen Sesseln und an große Tafeln gemeinsam geschnackt1), lecker gegessen und gut getrunken. Nach Verkündigung der acht glücklichen der insgesamt 44 Teams, die es ins Halbfinale schafften, ging man noch gemeinsam ins Glashaus. Ein kleiner Club am Rande des Campus, der fast aussah wie ein Gewächshaus und wo, wie sollte es auch anders sein, Gin Tonic Kehlen und Seelen benetzte und beglückte. Wohlsein!

Nächster Morgen, letzter Tag, letztes Spiel – nach einem kleinen Stadtbummel traf man sich in der Bayreuther Stadthalle, wo die Siegerteams der am Morgen2) auf hohem Niveau bestrittenen Halbfinale über Flüchtlingspolitik debattierten. Auch diese Debatte gefiel uns äußerst gut; einerseits weil das Niveau ebenfalls ein sehr hohes war, andererseits weil das Thema spannend und zurzeit besonders drängend ist. Nach der Siegerehrung machten wir uns auf und davon und lauschten auf der Rückfahrt dem Wüten des Windes, dem Rollen der Reifen, der Musik aus den Lautsprechern und Romans Stimme, die uns über eben diese aufklärte.

Turnierdaten:

ZEIT-Debatte Bayreuth, 20.-22. März 2015, dankenswerterweise ausgerichtet vom Debattierclub Bayreuth

VR1: Angenommen, es gibt eine Technologie, die Erinnerungen an eine Ex-PartnerIn auslöschen könnte. Dieses Haus würde den Einsatz dieser Technologie erlauben.

VR2: Dieses Haus würde angemeldete Massenschlägereien erlauben.

VR3: Dieses Haus würde Wissenschaft und Forschung nur noch dann finanzieren, wenn diese all ihre Fortschritte und Ergebnisse zeitnah als Open Source teilt.

VR4: Dieses Haus würde eine vierte Schulform über dem Gymnasium einrichten.

VR5: Dieses Haus, als die Bundesregierung, würde ohne vorherige juristische Klärung die Reparationsforderungen Griechenlands begleichen.

HF: Dieses Haus, als chinesische Regierung, würde das Internet völlig freigeben.

F: Dieses Haus würde Privatpersonen erlauben, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen.

Gewinnerinnen: Marion Seiche und Pegah Maham vom Team Bremen ENTP. Glückwunsch!

 

Anja Kundrat und Felix Hauffe studieren auf der Universität Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Sie sind dem Debattierklub Wien im letzten Herbst beigetreten und traten als Team “Österreichisch als Fremdsprache” auf der ZEIT-Debatte Bayreuth an. Wir danken für diesen Turnierbericht!

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1) Anmerkung der Redaktion: „Schnacken“ steht im außerösterreichischen Sprachgebrauch für „plaudern“.

2) Anmerkung der Redaktion: Die substantivische Verwendung von „Morgen“ bezeichnet im außerösterreichischen Sprachgebrauch die Tageszeit der „Frühe“. Wir gratulieren zu den bereits gezeigten Fortschritten in der Kunst des “Österreichisch als Fremdsprache”.